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MichaelGaida (CC0), Pixabay

Metro-Chef Olaf Koch will die Real-Filialen verkaufen. Seit Monaten verhandelt er. Erst mit Redos, nun mit einem anderen Konsortium. Ausgang: ungewiss. Vor allem für die Mitarbeiter – auch die in Ihlpohl.
Seit Ende 2018 ist klar: Die Metro-Gruppe will ihre SB-Warenhauskette Real verkaufen. Betroffen davon ist auch Ritterhude: Eine der 277 Real-Filialen, in denen bundesweit rund 34 000 Mitarbeiter beschäftigt sind, steht im Ortsteil Ihlpohl. Doch auch mehr als ein Jahr nach Bekanntwerden der Verkaufspläne ist kein Vertrag geschlossen. Nun befürchtet der Metro-Gesamtbetriebsrat gar, dass bei den aktuell verfolgten Verkaufsplänen 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen werden. Dem hat Metro-Chef Olaf Koch inzwischen widersprochen. Er bezeichnete die Zahl gegenüber der „Wirtschaftswoche“ als zu hoch gegriffen. Für die Mitarbeiter in Ihlpohl bedeutet das trotzdem nur eins: Ihre Zitterpartie geht weiter.
Ritterhudes Wirtschaftförderer Marc von Leesen verfolgt die Berichte über die Käufersuche der Metro AG. Von Gerüchten – etwa dem Verkauf und der anschließenden Schließung der Filiale –, wie sie Anfang 2019 in Ritterhude kursierten, habe er nichts mehr gehört. „Unruhig ist die Stimmung trotzdem“, berichtet er und betont: „Uns wäre es wichtig, dass der Standort erhalten bleibt; schon wegen der Mitarbeiter.“ Dass ausgerechnet die Filiale in Ihlpohl zu denen gehören wird, die am Ende aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen werden könnten, glaubt er nicht. „Ich denke, der Standort in Ihlpohl ist sehr attraktiv; ein idealer Standort.“ Das sei ihm auch in Gesprächen bestätigt worden, die die Gemeindeverwaltung vor einem Jahr mit Real wegen der um sich greifenden Gerüchte gesucht hatte. Damals sei ihnen gesagt worden, die Filiale in Ihlpohl zähle zu den besten Real-Märkten in Deutschland.

Gespräche mit Redos abgebrochen

Noch im November hatte die Redaktion mit dem Pressevertreter des Immobilieninvestors Redos gesprochen. Zu dem Zeitpunkt führte Redos exklusive Verkaufsgespräche mit der Metro AG. Das Bundeskartellamt hatte zudem bereits seine grundsätzliche Zustimmung zu einer Übernahme der Real-Filialen durch Redos gegeben. Jürgen Herres, Managing Partner von Feldhoff & Cie. GmbH und Ansprechpartner für die Presse bei Redos, klang damals optimistisch. Rückblickend sagt er, sie hätten gemeint, mit den Verhandlungen sehr weit zu sein. Nun bestätigt er jedoch: „Es finden aktuell keine Verhandlungen mehr statt; sie wurden Anfang Dezember abgebrochen.“
Den Platz von Redos am Verhandlungstisch hat ein Konsortium aus dem Immobilieninvestor X+Bricks und der russischen Investmentfirma SCP Group eingenommen. Herres glaubt in den Presse-Berichten den Grund für den Sinneswandel des Metro-Chefs gelesen zu haben. Demnach wolle der neue Verhandlungspartner Real komplett kaufen. Für ihn bedeute dies, dass die Metro AG mit ihrer Unterschrift unter dem Vertrag aus der Verantwortung für ihre Warenhauskette und die Mitarbeiter raus wäre. Dagegen habe Redos‘ Konzept vorgesehen, Metro nicht ganz aus Real rauszukaufen. Der Konzern sollte für einen Zeitraum von bis zu drei Jahren noch zu 24,9 Prozent beteiligt bleiben.
Auf Nachfrage bestätigt die Presseabteilung der Metro AG, dass sie ihre Warenhauskette Real nun mit allen Liegenschaften sowie dem Real-Online-Marktplatz komplett ans Handelsimmobilienkonsortium aus SCP Group und X+Bricks veräußern will. Dabei betont das Unternehmen jedoch: „Die Wahrung der Mitarbeiter-Interessen ist für den Metro-Vorstand ein zentrales Thema in den Verkaufsgesprächen. Wir setzen uns dafür ein, dass mit den Märkten auch die Mitarbeiter von den übernehmenden LEH-Unternehmen weiterbeschäftigt werden. Zudem haben sich Gesamtbetriebsrat und Real Ende letzten Jahres auf eine freiwillige Gesamtbetriebsvereinbarung verständigt. Diese sieht vorsorglich eine soziale Absicherung für alle Real-Mitarbeiter vor, die trotz aller Bemühungen durch betriebsbedingte Kündigung ihren Arbeitsplatz bei einem übernehmenden LEH verlieren. Durch diese freiwillige Gesamtbetriebsvereinbarung wird die Metro gemäß der übereinstimmenden Vereinbarung zwischen Gesamtbetriebsrat und Metro ihrer sozialen Verantwortung gerecht.“
Der aktuelle Gesprächspartner ist nicht neu auf dem Verhandlungsparkett. Im Gegensatz zu Redos habe das Konsortium anfangs aber der Metro AG keine Transaktionssicherheit bieten können. Erst seit Kaufland nicht mehr zum Konsortium gehöre, seien keine kartellrechtlichen Probleme mehr zu erwarten. Dieses Hindernis sei nun aus dem Weg und das Interesse von Metro an einem Deal mit X-Bricks und SCP Group erstarkt, heißt es aus informierten Kreisen. Ihnen zufolge will das Konsortium die Real-Filialen weiterverkaufen – beispielsweise an Rewe und Aldi. Dieses Konzept hatte Redos ebenfalls verfolgt. Edeka hatte daher 2019 beim Bundeskartellamt einen Prüfantrag auf Übernahme von mehr als 80 Real-Filialen vom – damals noch wahrscheinlich – künftigen Eigentümer Redos gestellt. Sobald das Konsortium die Unterschrift der Metro AG habe – was bis Ende Januar 2020 angestrebt wird – und die kartellrechtliche Freigabe vorliege, könnten sich an Filialen interessierte Händler bei X+Bricks und SCP Group melden. Dann ginge es darum, aus den Standorten und Liegenschaften attraktive Pakete zu schnüren. Die Metro AG teilt dazu mit, dass zudem ein Kern aus Filialen vom Konsortium als Real weitergeführt werden solle. Die Redaktion erfuhr, dass die offizielle Lesart dazu „vorerst“ sei.

Schließungen unbestritten

Unbestritten sei auch, dass einzelne Standorte von Real am Ende geschlossen werden müssen, erfuhr die Redaktion weiter. Metro hat dies nie bestritten. Seriöse Zahlen dazu soll es derzeit aber nicht geben. Die Metro AG selbst hatte vor Jahren zwischen 40 und 50 Real-Standorte als unwirtschaftlich eingestuft. Je nachdem, wer sich für die Filialen interessiere, welche Pakete geschnürt und was für Ideen für die Standorte entwickelt würden, verändere sich die Zahl, hieß es weiter gegenüber dieser Zeitung. Schließungen von Filialen könnten nicht im Interesse des Konsortiums liegen. Jede stelle schließlich einen Verlust für das Käufer-Konsortium dar.
Jürgen Herres ist sich indes nicht sicher, ob Redos schon ganz aus dem Spiel ist. Man würde genau beobachten, was weiter passiere. Die Metro AG habe schon einmal eine Kehrtwende gemacht:  „Redos‘ Interesse an einem Kauf besteht weiterhin; wir bleiben gesprächsbereit.“ Und die Mitarbeiter? Für sie werden die Verhandlungen zu einer Art von Brexit: Mit der Vertragsunterzeichnung wird die Zitterpartie für sie nicht beendet sein. Denn dann beginnen die nächsten Verhandlungen: Jene mit den interessierten Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels, ihren potenziellen künftigen Arbeitgebern.
 

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